Dachs Grimbart erzählt


1. Ankunft in Chemnitz

Hallo ihr da vor dem Bildschirm! – Könnt ihr Euch noch an die Tiere aus dem Thalerwald erinnern? – Genau, an die bunte Truppe mit Fuchs, Eule, Otter, Maulwurf, Fasan, Igel und Kaninchen, die eine neue Heimat suchte, weil ihr Zuhause zubetoniert wurde?!

Mein Großvater, der alte Dachs Grimbart, führte damals die Tiere an. Als junger Dachs habe ich begierig den Erzählungen über seine Abenteuer gelauscht. In meinem zweiten Lebensjahr war es dann so weit – auch ich ging auf große Reise! Nach einigen Tagen nächtlicher Wanderschaft habe ich dann aus den Wäldern des Erzgebirges kommend den südlichen Stadtrand von Chemnitz erreicht.

An einem Fahrweg zwischen Einsiedel und Harthau fand ich einen Rastplatz der Menschen – mit ganz leckeren Wurststullen im Papierkorb! Das schönste war jedoch die herrliche Aussicht auf die Stadt Chemnitz. Und so fasste ich den
Entschluss zu bleiben. Ich wählte ein kleines Wäldchen als künftigen Standort meines Dachsbaues und begann sofort zu graben. Der Eingang des ersten Ganges befindet sich an einem kleinen Hang, zwischen den Wurzeln eines großen Haselnussstrauches, fast am Rande des Wäldchens.

Mit meinen langen scharfen Krallen kam ich gut im Erdboden voran. Aber schließlich lag auch ein gutes Stück Arbeit vor mir. Der eigentliche Wohnkessel in der elterlichen Dachsburg lag fast 5 m tief im Boden und hatte zahllose Ausgänge. Um das zu schaffen würde ich wohl noch so manche Nacht schuften müssen. Aber fürs erste hatte ich eine Bleibe … und fiel in den Schlaf des Gerechten.

2. Auf den Spuren der Gassigeher

Nach der nächtlichen Schwerarbeit wollte ich eigentlich nach Dachsart den Tag in meiner Erdhöhle verdösen. Deshalb hatte ich den Kessel meines Baues auch noch am Vorabend etwas mit trockenem Laub, Moos und Farnkraut ausgepolstert.

Doch gegen Mittag setzte ein anhaltendes Hundegebell ein. Ich kannte das schon von meiner Wanderung. Als ich bei Nacht die kleinen Ortschaften zwischen Marienberg und Zschopau passierte, musste ich auch oft an Grundstücken vorbei, in denen Hunde zu Hause waren. Die meisten von ihnen waren in Zwingern eingesperrt und einige wenige hingen an eisernen Ketten, obwohl ja eigentlich die Kettenhaltung von Hunden schon seit einigen Jahren verboten ist. Und dann gab es noch die freilaufenden Hunde, die wild durchs Grundstück preschten, wenn sie mich errochen hatten.

Nach geraumer Zeit hörte ich sogar das Hecheln eines Terriers auf dem Weg unterhalb meines Hanges. Kaum hatte der das Weite gesucht, sah ich schon zwei junge Mädchen mit einem Schäferhund daherkommen, dann folgte ein sportliches, älteres Ehepaar mit einer putzig aussehenden Promenadenmischung an der langen Laufleine. So ging das den ganzen Nachmittag immer fort. Wie konnte es nur sein, dass hier so ein Betrieb herrschte wie im Stadtpark? Und warum gehörte zu jeder Personengruppe mindestens ein Hund?

Das interessierte mich nun brennend. Und obwohl es so gar nicht zu einem Dachs passt, am helllichten Tag den Bau zu verlassen, schob ich meinen 90 cm langen Körper vorsichtig aus der Röhre, rutschte den Hang hinunter und beobachtete aus einem großen Distelfeld heraus den Weg. Bald hatte ich das Geheimnis ergründet. Alle Menschen und Hunde kamen aus einem kleinen Gartentor, das in einen langen, bestimmt 2 m hohen Stabgitterzaun eingelassen war, heraus. Und nach 1-2 Stunden verschwanden sie auch wieder hindurch. Was wird sich nur hinter dem Zaun verbergen? Und was wird das Wort „Gassigeher“ bedeuten, das ich an diesem Tag so oft hörte?

3. Auf gute Nachbarschaft

Zurück in meinem Lager fand ich einfach keine Ruhe mehr und konnte es kaum erwarten bis die Nacht über dem Pfarrhübel, so hatten die Menschen das Gebiet genannt, das ich mir als neue Heimat erwählt hatte, hereinbrach.

Es war eine klare, laue Spätsommernacht. In der Ferne hörte ich das geschäftige Treiben einer Großstadt, die man früher einmal „sächsisches Manchester“ oder „Tor zum Erzgebirge“ nannte.

Der Mond wies mir den Weg zu dem seltsamen Menschentor. Es war verschlossen, so dass mir nichts anderes blieb, als den Zaun nach einer Lücke oder einem Loch abzusuchen, denn auf eine erneute Grabeaktion hatte ich Null Bock. Fast wollte ich schon aufgeben, denn unter dem Zaun waren Betonplatten als Unterwühlschutz verlegt, da entdeckte ich eine große Lücke im Zaun. Offensichtlich waren kürzlich Bauarbeiten erfolgt und noch nicht ganz abgeschlossen, denn einige Zaunfelder lagen noch auf der Wiese. Was für ein Glück! Also nichts wie rein – obwohl, ein bisschen Angst hatte ich schon!

Ich trottete über eine Wiese mit einem Feuerlöschteich, sah eine große Gerätehalle, einen Pferdestall und ein langes Gebäude mit vielen Käfigen und Hundeboxen. Weil der Wind günstig stand konnten mich meine weitläufig Verwandten nicht riechen und es blieb alles ruhig. Mein Weg führte mich geradewegs auf ein frisch saniertes Gebäude zu. Am Giebel hing ein großes Schild mit der Aufschrift „Tierschutzzentrum Franz von Assisi“ und darüber auf einem beleuchteten Schild … he, dieser schwarz-weiße Geselle –
das war doch ich!!!


4. Weil ich ein Dachs bin

Fassungslos stand ich minutenlang im Mondschein vor dem Logo des Tierschutzvereins Chemnitz und Umgebung e.V. Einen Dachs als Leitfigur für einen Tierschutzverein – auf was die Menschen alles so kommen …

Obwohl, wenn ich es mir richtig überlege, verdient haben wir Dachse das allemal. Schon im Mittelalter trachteten uns die Menschen nach dem Pelz, Dachsfett wurde als Einreibung gegen Rheumatismus in jeder Apotheke angeboten, unser Fleisch gilt heute noch bei Gourmets als Delikatesse und gute Rasierpinsel mussten aus Dachshaar sein. Unsere Feinde, die Jäger, tragen den „Dachsbart“ noch heute als Schmuck am Hut, wohl als Zeichen dafür, wie schwer wir Dachse zu erlegen sind. Trotzdem bleibt es pervers, sich mit dem Leben anderer Geschöpfe zu dekorieren.

Doch trotz intensivster Bejagung blieb unser Bestand ziemlich konstant. Als sogenannte Allesfresser gab es für uns zu jeder Zeit einen üppig gedeckten Tisch, so dass wir uns mit gutem Erfolg fortpflanzen konnten.

Mit unserer ruhigen, bedächtigen und heimlichen Lebensweise wurden wir in der deutschen Tierfabel und in Goethes Versepos „Reineke Fuchs“ als Dachs Grimbart unsterblich.

In neuerer Zeit war es dann ausgerechnet unser Untermieter Reineke Fuchs, der den Zorn der Menschen auf uns lenkte. Nein, nicht wegen seiner gelegentlichen Streifzüge in die Hühnerhöfe. Schließlich muss er auch von etwas leben … Es war die Angst der Menschen vor einer heimtückischen Seuche, die sie Tollwut nennen. Mit Flinte und Tellereisen rückten sie Reinecke zu Leibe. Doch damit nicht genug. Sie kamen in unsere Wälder, suchten unsere Burgen und steckten Gaspatronen in die Gänge der Baue. Reinecke gab Fersengeld und entwischte meist durch einen der zahllosen Fluchttunnel. Aber wir Dachse sind keine Feiglinge. Wir zogen uns immer tiefer in den Bau zurück und warteten auf den Gegner. Aber der kam nicht, nur das tödliche Gas kroch hinter uns her, bis es kein Entrinnen für uns mehr gab. Fast wären wir so ausgestorben. In Chemnitz und Umgebung überdauerten nur wenige Dachsfamilien diese schlimme Zeit, so im Sechsruthenwald und in der Nähe des Bahnhofes Dittersdorf. Anfang der 90er Jahre erfanden dann pfiffige Menschen eine Schluckimpfung für Füchse. Mit kleinen Flugzeugen wurden zich-Tausende Köder über den Wäldern unseres schönen Sachsenlandes abgeworfen oder Förster und Tierärzte legten sie in der Nähe der Fuchsbaue aus. Diese olivfarbenen, für uns Tiere unwiderstehlich riechenden Köder enthalten eine Impfstoffkapsel. Beim Fressen der Köder wird die Kapsel eröffnet und der Impfstoff über die Schleimhäute aufgenommen. Perfekt!!! Diese Erfindung hat uns Dachsen letztlich das Leben gerettet und vor der Ausrottung bewahrt, denn die Tollwut konnte so wirkungsvoll eingedämmt werden. In Chemnitz ist die Tollwut 1992 letztmalig festgestellt wurden, in den Nachbarkreisen 1994. Und seit einigen Jahren gilt die ganze Bundesrepublik als tollwutfrei. In Osteuropa, auf dem Balkan und besonders in Nordafrika ist diese Seuche immer noch eine ständige Bedrohung für Tier und Mensch. Die Schutzimpfung für die Fleischfresser Hund und Katze ist deshalb auch weiterhin wichtig und bei Reisen innerhalb der Europäischen Union gesetzlich vorgeschrieben!

5. Meine erste Bekanntschaft

Ich hing noch meinen Gedanken nach, als neben mir eine Eule, ein imposanter Uhu, landete und mich ansprach: „Bist du nicht der junge Grimbart, der gestern Nacht wie wild oben am Waldrand gebuddelt hat?“ Ich bejate das und fragte, ob mir die Eule nicht einiges über das Gelände erzählen könnte, schließlich sei ich ja jetzt gewissermaßen ihr Nachbar …

Die Eule zögerte nicht lange und begann mir alles Wichtige über das Tierheim Pfarrhübel zu erzählen: „Früher gab es hier eine Schweinezuchtanlage. In ziemlich baufälligen, mit Asbest gedeckten Ställen standen Ferkel, Sauen und Eber auf Betonfußboden ohne Einstreu. Die Gülle wurde mit Schleppschaufeln aus den Ställen gezogen und in großen Becken gesammelt. Zu fressen gab es in großen Mengen Küchenabfälle, die zuvor erhitzt wurden oder auch Eiweißmischsilage, eine Art Flüssigschlempe, die in der Tierkörperbeseitigungsanlage im Zeisigwald aus Tierkadavern gewonnen wurde. Appetitlich sah das nicht gerade aus. Und überall in den Ställen und Kanälen tummelten sich fette Ratten. Das waren richtig tolle Zeiten für mich, denn ich lebte damals schon hier im Pfarrhübel.

Dann kamen Anfang der 90er Jahre eines Tages riesige Fahrzeuge. Die Ferkel und Mastschweine, immer mehrere Hundert Stück, wurden in drei Etagen auf Lastkraftwagen verladen, die holländische Nummernschilder trugen. Die Schweine wurden quer durch Europa gekarrt, um dann irgendwann als Schnitzel auf den Tischen der Menschen zu landen. Zurück blieben leere Hallen. Sogar die Ratten suchten sich bald eine neue Bleibe, zu meinem Leidwesen.“, schwelgte die Eule in Erinnerung.

Ein kurzer Säufzer und meine gefiederte Freundin fuhr mit der Geschichte fort: „Das muss so im Jahr 1995 gewesen sein, da tauchten Leute auf und begannen mit der Aufräumung des Geländes. Sie nannten das ABM. Später habe ich dann erfahren, dass die alte Schweinezuchtanlage ganz früher einmal, als Folge der Revolution von 1918, ein Teil des Stadtgutes Höckericht wurde. Heute erinnert nur noch eine Bushaltestelle an der Zwickauer Straße im Ortsteil Siegmar an den damals größten und modernsten Landwirtschaftsbetrieb von Chemnitz. Erst wurden im Pfarrhübel Rinder gehalten, Anfang der 30er Jahre baute man einfache Mastställe für Schweine. Im 2. Weltkrieg standen im Pfarrhübel mehrere Flackstellungen zur Luftverteidigung der wichtigen Rüstungsbetriebe an der Annaberger Straße. Die ABM-Leute sind bei ihren Aufräumungsarbeiten auf Fundamente der Geschützabwehr gestoßen. Haben die bei den Abbrucharbeiten mit Hacke und Schaufel geschwitzt … und ich habe mich köstlich amüsiert, während ich den Tag verdösend in einer der größeren Eichen gesessen habe!


Und dann wurden die Ställe nach dem Krieg einer LPG zugeeignet, die über 500 Sauen zur Zucht hielt.
Sozialistische Mangelwirtschaft und kollektiver Schlendrian
ließen den Betrieb verfallen. Als einer der ersten Agrarbetriebe nach der politischen Wende 1989 musste er aufgeben. Die Preise für Ferkel waren völlig abgestürzt, die Zucht deshalb unrentabel geworden.

Mitten im Gelände stand eine große Halle, 56 m lang und 18 m breit, ein Rohbau, nie mit Tieren belegt. Die Wende hatte ihre Fertigstellung verhindert. Es war so ziemlich das einzige vernünftige Gebäude auf dem über 3,5 ha großen Gelände. Aber einen Investor zu finden für ein hängiges Grundstück außerhalb der städtischen Bebauungszone, mit vielleicht Altlasten behaftet, verkehrsmäßig schlecht erschlossen, mit maroden Wasser-, Abwasser- und Stromleitungen, schien fast unmöglich.“

Wieder unterbrach sich die Eule, holte tief Luft und gab mir zu verstehen, dass ihr all die Jahre nichts entgangen war, was im Pfarrhübel geschah.

„Dann hörte ich eines Tages, dass die Stadt Chemnitz und der Tierschutzverein Chemnitz und Umgebung e.V. einen Vertrag zum Bau eines Tierheimes geschlossen hätten“, fuhr die Eule fort. „Technik rückte an, tiefe Gräben wurden gezogen und neue Leitungen verlegt, alte Gebäude abgerissen, Zäune gebaut und die große Halle erhielt ein komplett neues Innenleben. Ein Parkplatz und eine neue Zufahrt entstanden genau so wie ein Feuerlöschteich. Da war es für mich vorbei mit der Ruhe, dafür aber interessant.

Das Suchen nach einem geeigneten Grundstück für ein Tierheim in Chemnitz war endlich zu Ende. Nach mehr als 100 Jahren praktischer Tierschutzarbeit in Chemnitz zeichnete sich erstmals eine Dauerlösung ab, denn der Pfarrhübel erfüllt alle Ansprüche an ein Tierheim. Das wirst du auf deinen Ausflügen noch merken.“, betonte die Eule, bevor sie wichtigtuerisch den linken Flügel zu mir ausstreckte und dann in der Erzählung fortfuhr:

6. Frischer Wind im Pfarrhübel

An einem Wochenende traute ich meinen Augen nicht.
Lauter Kinder mit Instrumenten, Schüler der Musikschule Fröhlich, und etwa 500 Erwachsene bevölkerten die große Halle, in der in der Zwischenzeit Schleusen verlegt und Zwischenwände aus Sandstein hochgezogen wurden. – Offizieller Baubeginn im Tierheim!

Täglich entdeckte ich etwas Neues auf der Baustelle. Und allmählich erkannte ich die Systematik der Anlage. Das Tierheim ist in Längsrichtung in 3 Trakte eingeteilt. Im mittleren Trakt befinden sich nur Versorgungseinrichtungen wie Futterküche, Desinfektionsraum, Futterlager, Tierarztraum, Foyer, Heizung, Toiletten und Umkleideräume. Der dem Stadtgebiet zugewandte Bereich beherbergt Räume für Katzen, Kleinsäuger und Vögel.
Außerdem gibt es hier das Tierheimbüro und den
Aufenthaltsraum für Tierpfleger und Helfer. Auf der anderen
Seite des Heims befindet sich eine Reihe von 3 Hundehäusern
mit jeweils mehreren Boxen im Inneren des Hauses, wobei jede
Box einen Durchschlupf in einen Freizwinger hat. Diese Seite ist landwärts in Richtung Landschaftsschutzgebiet Pfarrhübel gerichtet. Bis zur Wohnbebauung sind es rund 400 m Luftlinie, dazwischen ein breiter Waldstreifen und eben auch noch das Gebäude. Mit dieser Anordnung der Zwinger wird eine evtl. Lärmbelästigung praktisch ausgeschlossen.

Ich staunte, an was beim Bau alles gedacht werden mußte. Jede Menge Fußbodeneinläufe, unzählige Wasseranschlüsse, Elektroanschlüsse, Schalter und Lampen folgten. Und dann die vielen Fußboden- und Wandfliesen … Doch damit nicht genug.
Die Feuerwehr forderte Brandschutztüren und einen Feuerlöschteich, die Berufsgenossenschaft vom Bewirtschaftungsgang aus bedienbare Hundeschieber und drehbare Wasser-/Futterschüsseln, das Liegenschaftsamt eine neue Grundstücksvermessung und eine neue Straßenanbindung, die Bauverwaltung einen neuen Abwasserkanal, die Stadtwerke ein neues Elektrohäuschen und und und …

Von meinem Sitzplatz in der Eiche aus konnte ich die wöchentlichen Bauberatungen genau verfolgen. Da ging es manchmal ganz schön zur Sache … und um viel, viel Geld!“, erzählte mir die Eule, wobei sie vielsagend die Augen rollte.

„Aber dann war es so weit. Im Herbst 1997, an einem
regnerischen Wochenende, erfolgte der Umzug des Tierheimes von der Kleinolbersdorfer Straße auf den Pfarrhübel. Tierheimmitarbeiter, Vorstandsmitglieder und Helfer des Tierschutzvereins wanderten mit den Hunden in das neue Objekt. Und natürlich konnten die Chemnitzer alles im Stadtfernsehen miterleben.“

Wie im Fluge war während des Berichts meiner neuen Freundin
die Zeit vergangen. Wir verabschiedeten uns und schon erhob
sich die Uhu-Dame, um schattenhaft über das 3,5 ha große Gelände des Tierheims dahinzugleiten. Auch für mich wurde es Zeit, sich noch um etwas Fressbares zu kümmern.

7. Das Tierheimteam

Auch an den folgenden Abenden traf ich mich mit meiner Uhu-Freundin. Und dann geschah es – plötzlich wurden wir von einem Autoscheinwerfer geblendet. Wir hatten nicht gemerkt, dass Jens von Lienen, der Tierheimleiter, von einem abendlichen Einsatz mit dem Tierschutztransporter zurückkam. Wieder einmal hatte die Autobahnpolizei auf einem Parkplatz an der A 4 einen ausgesetzten Hund, angebunden an einem Verkehrsschild, festgestellt. Über den Bereitschaftsdienst der Stadtverwaltung wurde das Tierheim um Unterstützung ersucht. Routine für Jens, leider.

Ein liebes Tier mit treuen Augen. Allein – der Rüde war in die Jahre gekommen. Den Zähnen nach mochte er so 9-10 Jahre alt sein. Und hinten links hatte er eine größere Verletzung. Wie herzlos müssen doch Menschen sein können, ein Tier, den einstigen Gefährten, in diesem Zustand einfach auszusetzen…

Jens tat so, als bemerke er uns gar nicht. Tatsächlich waren uns die Herzen vor Schreck in die Beine bzw. Flügelspitzen gerutscht. Noch nie hatte ich einem Menschen so direkt gegenübergestanden. Wegrennen – hatte mir Großvater Grimbart für solche Situationen eingeschärft. Aber es ging einfach nicht …

Und neugierig war ich auch zu sehen, was der Mensch mit dem verschüchterten Terrier anstellen wird. Ruhig brachte Jens den Neuankömmling in einen freien Zwinger im Quarantänebereich des Tierheimes, gab ihm Futter und Wasser, nahm die Verletzung in Augenschein und notierte sich noch einiges für das Tierbestandsbuch. Erledigt. Morgen wird sich dann die Vertragstierärztin den neuen Patienten genau ansehen.

Dann kam Jens auf uns zu und sprach uns an: „Na ihr zwei Wildlinge, was sucht ihr denn hier im Tierheim?“ Das Blut schoss mir in den Kopf und die Zunge schien am Gaumen angeklebt zu sein. Erst langsam und stockend, dann frei von der Leber weg erzählte ich von mir und meinen Eindrücken vom Pfarrhübel. Und so schloss ich Freundschaft mit dem Chef des Tierheimes. Von diesem Abend an besuchte ich Jens mehr oder weniger regelmäßig. Und bald lernte mich auch das übrige Personal kennen, die Lehrlinge, die Vorstandsmitglieder und Antje, die junge Mitarbeiterin aus der Geschäftsstelle des Tierschutzvereins. Mit ihr zusammen beschloss ich, diese Internetseite zu schreiben. In Zukunft werden wir über den Alltag im Tierheim berichten, über Einsätze des Vereins und über Ausflüge ins Stadtgebiet. Also bis bald!

8. Susi, die Parkplatzkatze

Die mit dem Tierheimpersonal geschlossenen Freundschaftsbande ließen mich mutiger werden. Ab und an verließ ich jetzt auch am Tag meine Dachsburg. Oft war das Wäldchen unterhalb des Tierheimes mein Ziel. Viele verschiedene Baumarten und Fruchtsträucher am Rande des Gebietes bescherten mir einen stets reich gedeckten Tisch. Von den Tierpflegern erfuhr ich, dass der junge Wald vor ungefähr 8 Jahren durch den Rotary-Club Chemnitz angepflanzt wurde, als Teil der Aktion „Wald für Chemnitz“. Aus den Setzlingen ist in der Zwischenzeit ein Stück grüne Zukunft geworden.

Meine Nase wies mir aber schon bald den Weg zu einer Schüssel mit verführerisch duftendem Katzenfutter, direkt am Parkplatz. Doch – ich kam zu spät! Ein anderer Futtergast hatte sich schon über den schmackhaften Happen hergemacht. Ich brummelte ihn von der Seite mit „Wer bist du denn?“ an. „Das sollte lieber ich dich fragen“, zischte mich eine mehr als wohlgenährte Katze an, um dann doch meine Frage zu beantworten: „Ich bin Susi, die Parkplatzkatze!“ Und schon steckte sie den Kopf wieder in die Schüssel. Sie ließ keinen Zweifel aufkommen, wer hier das Sagen hatte.

Trotzdem schob ich den Kopf etwas nach vorn – der aus der Schüssel aufsteigende Duft war einfach verlockend! Susi hielt mit dem Fressen auf, blickte mich aus dem Augenwinkel an, um dann überraschend anzubieten: „Wollen wir uns das Futter teilen? Die Menschen mögen es gut mit mir, seit ich im Tierheim lebe.“ Ich nickte dankbar und kam so zu einer schmackhaften Mahlzeit.

Nach dem Fressen erzählte mir Susi ihre Lebensgeschichte. Einst lebte sie mit fünf weiteren Katzen auf dem Gelände der riesigen Hühnerbatterieanlage in Neukirchen bei Chemnitz. Auch dort war der Tisch gut gedeckt. Mäuse gab es in Überfluss in den Stallungen. Doch dann hatte alles ein jähes Ende. Susi wurde von den Menschen eingefangen und in einen Transportbehälter gesteckt, aus hygienischen Gründen, sagten die Betreiber der Hühnerbatterie. Wäre es nach dem Willen der Hühnerbarone gegangen, nun, dann hätte ich Susi wahrscheinlich nie kennengelernt! Obwohl – das Töten von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund ist durch das Tierschutzgesetz verboten. Doch was ist vernünftig in einer Welt des Profits? Und der Gesetzgeber lehnt es ab, eine Liste der vernünftigen Gründe – eine sogenannte Positivliste – zu erstellen. Und natürlich gilt auch heute noch: Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter! Wer vermisst auch schon auf einem Hühnerhof eine freilebende Katze?

Doch dann nahm alles eine gute Wende. Der betreuende Tierarzt brachte Susi ins Tierheim, als Freigänger. Denn der Tierarzt ist kraft Gesetzes der berufene Schützer der Tiere und der einzige Mensch, der über Leben und Tod eines Haustieres entscheiden darf. Der Parkplatz wurde Susis neue Heimat. Hier erhielt sie die leckersten Leckerli, denn gewissermaßen wurde Susi zum Empfangskomitee für alle Tierheimbesucher. Und meine neue Freundin!

9. Notzeit

Die letzten Monate habe ich nur selten meine Nase aus dem Bau gesteckt. Heftiges Schneetreiben und eisiger Ostwind pfiffen über den Pfarrhübel. Hochachtung den vielen Gassigehern, die unverdrossen die Hunde des Tierheims ausführten! Einige von ihnen wie Christin und Julia kenne ich schon mit dem Namen.

Das gute Futter vom Parkplatz hatte mir geholfen, im Herbst eine dicke Speckschicht anzusetzen. Und tief unten im Dachsbau ließ es sich schon aushalten, trotz Eis und Schnee. Aber bei schönem Wetter zog es mich dann doch zu meinen Freunden im Tierheim. Parkplatzkatze Susi war wie immer gut gelaunt. Auch sie schien keine Not zu haben, ginge man nach ihrer vollschlanken Figur. Sobald ein Tierheimbesucher sein Auto abstellt ist auch Susi da. Futter, Streicheleinheiten oder ein warmes Plätzchen auf der Motorhaube fallen immer für sie ab.

Auch der Liegeplatz Motorhaube ist für Tierschützer kein Problem. Schon vor Jahren erbrachte ein Gutachten des ADAC, dass vermeintliche Lack- oder Kratzspuren an Autos eben nicht von der Katze sondern dem Marder stammen. Während Katzen einziehbare Krallen besitzen haben Marderartigen, auch wir Dachse, feststehende Krallen. Aber natürlich springen wir Dachse nicht wie Baum- und Steinmarder oder der Iltis auf Autos herum.

Max, der Igel, schlief noch fest in seinem Nest unter dem großen Holzstoß. Und etwas abseits in einer Eiche döste die alte Uhu-Dame vor sich hin. Die vielen Kleinvögel aus der nahen Schonung waren zu sehr mit der Futtersuche und sich selbst beschäftigt, um sich auf sie zu stürzen und zu vertreiben. Meisen, Grünfinken, Amseln, Kleiber und Haussperlinge hatte ich schon oft auf dem Tierheimgelände gesehen. Jetzt kamen noch Kernbeißer, Gimpel und Birkenzeisig dazu, die man im Winter häufig in Chemnitz und Umgebung beobachten kann. Sogar zwei Stare habe ich gesehen. Immer häufiger versuchen eigentliche Zugvögel wie auch die Stare, in der Großstadt zu überwintern. Dagegen sind die einst riesigen Krähenschwärme, die in früheren Wintern aus Osteuropa kommend Chemnitz ansteuerten, deutlich kleiner geworden. Einige von ihnen rufen mir hoch oben aus der alten Pappel an der Großtierstation ihren rauen, kehligen Begrüßungsruf zu. Zwischen ihnen sitzt auch eine Dohle. Das freut mich, denn gerade dieser Art gilt in Chemnitz die Aufmerksamkeit vieler ehrenamtlicher Naturfreunde. Mit zahlreichen Nisthilfen, so an der Altchemnitzer Straße oder in Rabenstein an der Burg, wird versucht, den Verlust geeigneter Brutmöglichkeiten auszugleichen, den die Stadtsanierung verursacht hat.

Als ich wieder zurück zu meiner Wehrburg will, kreuzt ein Rehbock meinen Weg. Auch er hat sich das Gehölz zwischen Tierheim und Siedlungsrand ausgesucht. Und er tut gut daran, denn hier, in Sichtweite zur Wohnbebauung, ruht die Jagd. Auch findet er in diesem Jungwald vergleichsweise einfach Fressbares. Da nimmt er schon das zahlreiche Publikum – Besucher, Freizeitsportler, Spaziergänger – in Kauf. Und hat sich ganz schnell daran gewöhnt, denn eine richtige Gefahr droht von diesen Personengruppen nicht. Einzig unangeleinte Hunde sind für Rehe eine ernste Gefahr, besonders jetzt im Winter. Kommt es durch diesen Leichtsinn der Hundebesitzer zur Hatz der Wildtiere, so leeren sich deren Energiedepots rasant schnell. Im hohen Schnee sinken die Tiere brusttief ein oder verletzen sich an der verharschten Oberschicht. Nur wenige Meter sind sie so in der Lage, ihren Verfolgern zu trotzen. Deshalb, liebe Hundefreunde, denkt bitte auch an uns Wildtiere!

10. Große Herzen für eine kleine Hündin

Nach dem harten Winter war es wieder an der Zeit, mit meinen Freunden vom Tierheim zu schwatzen. Doch was musste ich erleben? – Keiner hatte Zeit für mich!!! Das war mir noch nie passiert! Im Büro klingelte ununterbrochen das Telefon. Jeder lief mit einem Handy am Ohr durchs Gelände und im Foyer gaben sich Fernsehstationen und Zeitungsleute die Klinke in die Hand. Ich war fassungslos! Was war nur hier passiert?

Endlich, eine der jungen ehrenamtlichen Helferinnen gab mir einen Wink, mitzukommen. Christin ging mit mir in die „Mutter-Kind-Station für Hunde“. Aber was war denn das? Ein kleiner Beagle-Welpe mit großen Kulleraugen und einem noch viel größeren Verband am Hinterlauf begrüßte mich überschwänglich. „Das ist Fanny. Mitarbeiter vom Gartenamt haben sie am Freitag in einem Müllcontainer am Schlossteich gefunden. Einfach weggeworfen, mit gebrochenem Bein und Bänderriss!“ Christin, die seit Jahren jede Minute Freizeit im Tierheim aushilft, konnte kaum ihre Wut unterdrücken! „Wir haben die Presse und das Fernsehen informiert. Vielleicht erhalten wir einen Hinweis auf diesen Tierquäler.“

Aha. Jetzt wurde mir einiges klar. Und tatsächlich, wieder zurück im Büro, war ich mittendrin in einer einmaligen Welle von Hilfsbereitschaft. Von der ersten Seite der „Chemnitzer Morgenpost“ sah mich Fanny an und der „MDR-Sachsenspiegel“ erzählte ihr Schicksal in mehreren Beiträgen zur besten Fernsehzeit. So um die Hundert Anrufe aus dem ganzen Sachsenland erreichten das Tierheim allein am ersten Tag! Und alle wollten helfen, baten um die Kontonummer des Tierschutzvereins, kündigten Spenden zur Bezahlung der notwendigen Operation an. Am meisten bewegte mich, als ein kleines Mädchen mit der Mutti an der Hand im Foyer stand und den Inhalt der Sparbüchse übergab, damit Fanny wieder gesund wird!

Auch der Beagle-Club Deutschland wollte da nicht zurückstehen. Eine ganze Abordnung der Hundefreunde samt Vierbeiner brachte einen vierstelligen Spendenscheck ins Heim. Fast jeden Tag besuchte ich Fanny, auch nach der erfolgreichen Operation. Und demnächst werde ich mal im Beimlergebiet vorbeischauen. Dort wohnt sie jetzt bei einem ganz lieben Hundefan und ist der Liebling im ganzen Wohngebiet.

Dank der gigantischen Spendenbereitschaft konnte das Tierheim nicht nur Fanny helfen. In der Zwischenzeit wurde eine weitere größere Operation bezahlt. Habt recht herzlichen Dank dafür, ihr alle da draußen am Bildschirm mit dem großen Herzen! Bei uns sind eure Spenden gut aufgehoben. Denn Tierschutz ist Menschenschutz!

11. Ausflug nach Einsiedel

Bei schönem Wetter ist der Pfarrhübel ein gern angesteuertes Ausflugsziel für Spaziergänger, Radfahrer und Hundefreunde. Das gut ausgebaute und beschilderte Wegenetz und der tolle Blick auf die Stadt Chemnitz laden dazu ein. Und auch so manches Naturerlebnis ist möglich. Vor Jahren pflanzten der Rotarier-Club Chemnitz und der Naturschutz Hecken und kleine Waldstreifen an. Vor allem die nach ihrem „Erfinder“ benannten Benjes-Hecken haben sich prächtig entwickelt. Viele verschiedene Pflanzen, Insekten, Vögel und Kleinsäuger haben sich in der ehemals völlig ausgeräumten Agrarlandschaft angesiedelt. Mir selbst imponieren immer wieder die Flugspiele der Mäusebussarde, wenn ich durch mein Revier streife.

Doch heute habe ich es eilig. Auf dem Höhenweg gelange ich in 30 Minuten vom Tierheim nach Einsiedel. Eingebettet in das Tal der Zwönitz liegt der Ort malerisch zu meinen Füßen. Im letzten Krieg schwer zerstört, ist er heute durch seine Trinkwassertalsperre und die Brauerei bekannt. Auch bekannte Leute leben hier. Mit etwas Glück trifft man in der Kaufhalle eine ehemalige Weltmeisterin im Eiskunstlauf. Und einmal im Jahr trifft sich in Einsiedel der deutsche Radsportnachwuchs.

Mich zieht es ans Ufer der Zwönitz. An vielen Stellen des Flusses werden neue Hochwasserschutzanlagen gebaut – mit viel Beton. Immer wieder hieß es in den letzten Jahren „Land unter“. Aber, ob versiegelte Uferbefestigungen in der Form eines Strömungskanals das Problem Hochwasser lösen werden? Ich habe da so meine Zweifel. Die Fließgeschwindigkeit des Flusses wird sich erhöhen und das Problem in Richtung Stadtgebiet Chemnitz verlagern. Versiegelte Flächen, Monokulturen in der Landwirtschaft, fehlende Strukturierungen besonders im Hügelland und die Zerstörung bzw. Verbauung der wenigen Ausdehnungsflächen des Flusses sind mit höheren Mauern wohl nur punktuell auszugleichen, denn die Natur vergisst unsere Sünden nicht.

Und trotzdem, bei allen Problemen ist unübersehbar, wie sich die Wasserqualität des Flusses in den letzten Jahren deutlich verbessert hat. Das haben auch viele Tiere dankend zur Kenntnis genommen. Ich selbst kann mich mitten in Einsiedel, an der Brücke, davon überzeugen. Im Fluss schwimmen zahlreiche kleine Fische. Ein Pärchen Stockenten sonnt sich auf einer kleinen Sandbank. Dann höre ich den durchdringenden Ruf der Gebirgsstelze, einer Verwandten der allgemein bekannten Bachstelze. Und schließlich sehe ich direkt unter der Brücke auf einem Stein das Männchen der Wasseramsel. Das Nest befindet sich in einem alten Abflussrohr ganz in der Nähe. Fasziniert sehe ich zu, wie sich die Wasseramsel immer wieder in den Fluss stürzt und unter Wasser nach Nahrung sucht. Schon während meiner Wanderung durch das Erzgebirge hatte ich immer wieder Wasseramseln beobachten können, so in der Gemeinde Hopfgarten, an den Ufern der Zschopau. Ein untrüglicher Beweis für die verbesserte Wasserqualität. Mit einem Nistkasten unter Brücken kann man der Wasseramsel wirkungsvoll helfen, neue Flussabschnitte zu besiedeln.

Mein eigentliches Ziel ist aber der große Teich gleich neben dem Gymnasium Einsiedel. Auch hier haben Bauarbeiten begonnen, endlich. Viele Naturfreunde, so auch die Mitglieder des Tierschutzvereins Chemnitz Steffen und Bettina Mehl, haben sich immer wieder mit Briefen und Vorsprachen an die zuständigen Stellen der Stadtverwaltung gewandt und darum ersucht, den Teich grundhaft zu sanieren. Jetzt endlich ist es so weit, stehen auch die finanziellen Mittel zur Verfügung, den Teich abzudichten und den Wasserzufluss zu sichern. Denn der Teich ist ein wichtiger Laichplatz für Frösche, Kröten und Molche. Über Jahre haben Tierfreunde ganze Nächte damit zugebracht, vor allem die wandernden Erdkröten vor dem Überfahren auf der nahen Hauptstraße zu bewahren. Aber oft war alles umsonst, weil der Teich austrocknete und vergraste. Zum Schutz der Amphibien wurden die Arbeiten vorerst unterbrochen. Aber der Anfang ist gemacht! Und wenn die Arbeiten abgeschlossen sein werden, steht dem Gymnasium ein tolles Freilandlaboratorium für den Unterricht zur Verfügung. Denn nichts ist so faszinierend wie die Natur!

Ich freue mich auch deshalb, weil immer wieder Schulklassen aus dem Gymnasium ins Tierheim kommen und so mancher Schüler sein Praktikum im Tierheim ableistet.

12. Tierheime in Not

Also, ich war schon etwas stolz, als ich vor einiger Zeit eine Einladung in den Sächsischen Landtag nach Dresden erhielt. Ich sollte mal zusammen mit den Tierschützern aus Bautzen und Leipzig den Parlamentariern der Linken von den Alltagssorgen der Tierschutzvereine in Sachsen berichten. Gewissermaßen aus der Praxis plaudern. Expertenanhörung nennt man das in der Politik.

Zusammen mit Antje bin ich am 19.05.2011 nach Elbflorenz gefahren. Am Eingang zum Landtag mussten wir unsere Ausweise abgeben. Sicherheit wird dort groß geschrieben. Da kommt kein Dachs unbemerkt rein und raus! Ist ja auch richtig so. Auch sonst geht es unseren Politikern nicht schlecht. Der Beratungsraum war aufs modernste ausgestattet.

So etwa 35 Landtagsabgeordnete, Amtstierärzte und Vertreter von sächsischen Tierschutzvereinen hatten sich zu einer überaus kritisch-konstruktiven Runde zusammengefunden. Schon die einleitenden Worte der Politiker machten deutlich, dass viele Tierheime in Sachsen finanziell gesehen mit dem Rücken zur Wand stehen. Unsere Tierschutzfreunde aus Leipzig brachten es auf den Punkt: Nein, so kann das Problem der Fundtierversorgung auf Kosten der Vereine nicht länger mitgetragen werden! Tierheime in Not – so lautet der Hilferuf des Deutschen Tierschutzbundes an die Politik. Und – so mein Eindruck – am 15.05.11 wurde der Ernst der Lage in Dresden von allen Anwesenden gut verstanden, weil plastisch, aber real dargestellt.

Wir Chemnitzer konzentrierten uns in unserem Beitrag auf die Ausgestaltung der Bedingungen für die Arbeit der Tierschutzvereine und aktuelle Probleme. Vereinsklagerecht und die Bestellung eines/einer Landestierschutzbeauftragten für den Freistaat Sachsen sind solche Themen. Und eine wirkliche Lösung des Finanzproblems der Tierheime wird es erst geben, wenn jede Gemeinde und jede Stadt Sachsens vertraglich mit einem Tierschutzverein verbunden ist, ähnlich einem Zweckverband. Akut ist dagegen das Problem des Hundehandels mit Tieren aus Ost- und Südeuropa durch verschiedene Organisationen. Aus ganz Europa werden unter der Flagge des Tierschutzes gewinnbringend Hunde nach Deutschland gebracht und teuer verkauft, obwohl in diesem Augenblick 77 000 Hunde in deutschen Tierheimen gepflegt werden …

Nein, wir hatten nicht erwartet, in Dresden die Probleme lösen zu können. Aber auch eine Arbeitsgruppe der CDU/FDP bearbeitet die Problematik Tierheimfinanzierung. Da müsste es doch möglich sein, einen Konsens zu finden, der Tiere wegen … Also, liebe Politiker, gebt euch einen Ruck und setzt euch gemeinsam an einen Tisch, mit uns Tierschutzprofis aus den Vereinen!

13. Von Taubentürmen und Alternativen

Ich muss schon sagen, der kürzlich im Tierheimgelände aufgebaute Taubenturm ist wieder ein richtiges Schmuckstück geworden! Die Jungs vom Tierheim haben ganze Arbeit geleistet, denn der Turm war stark reparaturbedürftig, nachdem er fast 15 Jahre in der Nähe des Busbahnhofes gute Dienste geleistet hat. Ein weiterer, gleichartiger Turm steht im Chemnitzer Yorkgebiet. Er war übrigens der erste von einem Tierschutzverein in Ostdeutschland betreute Taubenschlag.

Nach dem sogenannten „Augsburger Modell“ werden Taubentürme oder Taubenschläge an sensiblen Stellen der Städte eingerichtet, um tierschutzgerecht das Problem der zahlreichen verwilderten Haustauben in den Griff zu bekommen. Durch Schaffung attraktiver Brutmöglichkeiten und gelegentlich auch Futtergaben werden die Tauben der Umgebung zur Umsiedlung in den kontrollierten Taubenschlag bewegt. Der Effekt: 80% der ehemals auf Dächern und Balkonen, in Fensternischen und auf Sandsteinfiguren abgesetzten Exkremente landet jetzt im Schlag, wo er sich verhältnismäßig leicht beräumen läßt. Vor allem aber dient das Augsburger Modell der Populationskontrolle und Populationsreduktion. Kranke und verletzte Tiere können jetzt separiert und behandelt werden, wodurch sich der Gesundheitsstatus des gesamten Bestandes deutlich verbessert. Bei den im Abstand von 8-10 Tagen durchgeführten Kontrollen werden die frisch gelegten Eier (normalerweise 2 Stück pro Brutpaar) gegen Gipsattrappen ausgetauscht. Die Tauben bemerken den Betrug erst mit großer Verzögerung und brüten noch lange Zeit. Dadurch reduziert sich die Anzahl der Brutversuche pro Paar deutlich. In Großstädten bringen es verwilderte Haustauben auf 5-7 Bruten. Nur durch diese hohe Zahl von Jungvögeln gelingt es der Population, die großen Verluste durch Straßenverkehr, Krankheiten, Beutegreifer und Nachstellungen durch den Menschen auszugleichen. Gelegentlich sieht man auch Rassetauben in den Schwärmen. Dabei handelt es sich meist um Brieftauben, die nicht wieder in den heimischen Schlag zurückgefunden haben. Bei Gewitter kann es z.B. zur Störung des Orientierungsvermögens kommen. Solche Tiere tragen Ringe und so kann der Halter über den Zuchtverband identifiziert werden.

Nach langen Jahren sinnlosen und rechtswidrigen Taubentötens durch Vergiftungsaktionen und Abschuss besinnen sich immer mehr Städte in Deutschland auf die guten Erfahrungen der Tierschutzvereine, auch des Chemnitzer Tierschutzvereins, mit Taubentürmen. Bereits in 40 Städten wird das Augsburger Modell mit Erfolg verwirklicht, seit kurzem auch im Bereich der Schlossanlage in Torgau.

Beim Aufstellen von Taubentürmen sind einige Grundregeln zu beachten. So benötigen Tauben immer einen freien Anflug. Hohe, dichte Bäume in der Nachbarschaft mögen sie nicht. Auch das war ein Grund, weshalb der Taubenturm vom Busbahnhof umgesetzt wurde – die Bäume sind in 15 Jahren prächtig gewachsen! Ebenfalls wichtig ist eine kleine Landeplattform am Schlageingang.

Eine weitere Möglichkeit zur natürlichen Verringerung ist die Ansiedlung von Falken. Die kleinen Turmfalken schlagen nur kranke Tiere und unerfahrene Jungvögel. Aber ihre ständige Anwesenheit vertreibt die Tauben trotzdem. Anders der Wanderfalke. Dieser schnittige Jäger, einst vom Aussterben bedroht, hat die Hochhausschluchten der Großstädte als Alternativlebensraum entdeckt. In Hamburg und selbst am Alexanderplatz in Berlin ist er in der Zwischenzeit zu Hause und brütet erfolgreich. Und auch der von Autofahrern gar nicht gern gesehene Steinmarder dezimiert Taubenbestände, insbesondere durch Nestraub.

Übrigens sollte der jetzt vom Busbahnhof umgesetzte Taubenturm ursprünglich in der Grünanlage zwischen Tietz und ehemaliger Notenbank aufgestellt werden. Das Vorhaben des Vereins scheiterte damals am Veto des städtischen Gartenamtes. Und das Problem der „Taubenplage“ wurde, wie erwartet, immer wieder zum ordnungspolitischen Ärgernis. Auch der Innenstadtinvestor, Herr Kellenberger, versuchte sich erst kürzlich ohne Erfolg am Problem. Sein Vorhaben, die Tauben einzufangen und weit vor der Stadt auszusetzen wurde glücklicherweise noch rechtzeitig fallengelassen, denn das Aussetzen von Tieren, auch Tauben, ist nach dem Tierschutzgesetz eine Ordnungswidrigkeit. Also Herr Kellenberger, wie wäre es mit einem Taubenturm in der Nähe des dankenswerter Weise von Ihnen wieder erschaffenen Saxonia-Brunnens am Johannisplatz?

Ach ja – der Taubenturm im Tierheim hat schon Bewohner!

14. Ein Hotel besonderer Art

Hallo, meine Freunde! Nach längerer Zeit melde ich mich wieder aus dem Pfarrhübel. Im Sommer hatte ich einen Ausflug in die Schweiz unternommen. 14 Tage war ich auf dem Jakobsweg unterwegs. Herrlich, die Schweiz! Und ganz im Vertrauen – nicht ein einziger Hundehaufen auf den Gehwegen oder in Parkanlagen! Aber überall Hundetoiletten! Das würde ich mir auch für Chemnitz wünschen! Allerdings haben es die Preise für Futter und Quartier ganz schön in sich … Ich habe deshalb im Kloster, auf Bauernhöfen und einfachen Herbergen geschlafen und mich viel mit den Eingeborenen unterhalten. Die haben mir alle bestätigt, wie wichtig den Eidgenossen der Tierschutz ist. Tierschutz steht dort nicht bloß auf dem Papier. Nein, die Amtstierärzte setzen das Schweizer Tierschutzgesetz auch komplett um! Ich habe dort
Kuhställe gesehen – aufs feinste, sag ich euch.
Wie im Hotel! Da bin ich richtig neidisch geworden …

Kurz vor der französischen Grenze habe ich mir dann meine rechte Hinterpfote gebrochen. Fast drei Monate habe ich mich damit herumgeschlagen. Ich hatte sogar Mühe, mich ab und zu bis ins Tierheim zu schleppen. Aber jetzt ist wieder alles ok.

Apropos Hotel. Darüber wollte ich euch ja eigentlich berichten. Eigentlich über ein ganz besonderes Hotel – ein Hotel für Insekten! Vielleicht habt ihr sogar schon mal eins gesehen. Wenn nicht, dann macht doch mal einen Ausflug nach Dittersdorf bei Chemnitz. 100 m vom Bahnhof entfernt auf dem Gelände einer Baufirma findet ihr ein solches „Hotel“ oder ihr wandert weiter in Richtung Kemtau. Kurz vor dem Ortsausgang von Dittersdorf führt eine Brücke über die Zwönitz. Dort habe ich im Garten eines Tierfreundes das erste Mal ein solches Hotel gesehen. Ihr könnt natürlich auch ins Tierheim auf den Pfarrhübel kommen. Dort haben die Tierpfleger kürzlich ein solches Insektenhotel aufgestellt. Es bietet einer ganzen Reihe von Arten Unterschlupf und Winterquartier. Besonders gern nehmen Wildbienen Logis. Gerade zum Vorkommen von Wildbienen gibt es nur wenige Berichte. Es wird aber vermutet, dass viele Wildbienenarten ebenso wie unsere Honigbiene in den letzten Jahren große Bestandsverluste erlitten haben. Die Ursachen dafür sind immer noch nicht klar. Wahrscheinlich ist es eine Kombination von mehreren Faktoren, die den Bienen das Leben schwer macht. Auch ein Parasit, die Varoamilbe, wird
dabei immer wieder genannt.

Ein Insektenhotel lässt sich relativ leicht selbst bauen. Bauanleitungen findet ihr im Netz. Oder schaut euch einfach meine Bilder an! Beim Aufstellen müsst ihr darauf achten, dass das Hotel nicht ganztägig im Schatten steht. Auch große Nässe ist nicht gut. Ebenso muss totale Sonneneinstrahlung vermieden werden.

Ich bin mir sicher, ihr findet bestimmt einen guten Platz auf dem eigenen Grundstück, im Schulgarten oder dem Firmengelände.

Schreibt mir doch mal eure Erfahrungen!
Ich freue mich auf eure Post!

15. Die Zuwanderer sind da

Aus einer am Wegesrand achtlos weggeworfenen Zeitung hatte ich vor einiger Zeit erfahren, dass der Kaßberg in Chemnitz von einer Schar Waschbären besetzt worden sei. Es klang, als sei eine Armee Vandalen über den Stadtteil hereingebrochen. Auf dem Foto daneben habe ich aber nur einige scheinbar teilnahmslos im Geäst eines Parkbaumes schlafende Kleinpetze gesehen. Die Aufregung aber war gewaltig. Waschbären mitten in der Stadt! Die gehören doch nicht hierher, Schließlich haben die Menschen doch schon im Fernsehen gesehen, wozu die fähig sind! Waschbären gehören genauso wenig in die Stadt wie Wildschweine, Stadttauben, Elstern, Krähen, Füchse, Frösche, Kormorane, Ringelnattern, Erdkröten, Fledermäuse, Schwalben … und Dachse (!), nur die Menschen mit stinkenden Autos, Baumaschinen, Rasenmähern, Laubsaugern und Heckenscheren – die verursachen doch keine Probleme, die doch nicht! Die sind die Stadt! Die dürfen die Erde zubetonieren, vergiften, verschmutzen, verpesten, lärmen und über das Leben anderer Kreaturen wie mich richten. Denn schließlich bin auch ich ein Neubürger im Stadtgebiet, der sich an die in den letzten 20 Jahren eingetretenen urbanen Veränderungen angepasst hat. Und wenn sich ein steuerzahlender Städter erschrickt, wenn er im Stadtwald plötzlich einen Fuchs oder Dachs sieht oder nicht schlafen kann, weil im Schulteich ein Frosch quakt oder eine Stadttaube etwas auf das Rathausdach fallen läßt, dann muss endlich was getan werden. Das haben sich auch die Wutbürger vom Kassberg gedacht und gehandelt! Und was soll ich euch sagen – eine Bürgerwehr gegen Waschbären wurde geboren! Was für eine Leistung! Nein, gegen Sozialabbau und steigende Eintrittspreise im Tierpark oder den Kunstsammlungen, da ist niemand von den braven Familienvätern und besorgten Rentnern auf die Barrikaden gegangen, aber um meine schwarz-weißen Kumpels aus den Ästen eines Stadtbaumes zu vertreiben, da sind sie ganze Nächte um den Block gezogen, ausgerüstet, als würde jeden Moment ein Eisbär über sie herfallen! Dabei sind die Waschbären längst nicht die einzigen Neubürger in den Großstädten. Ihr, die Menschen, seit die Ursache dafür! Ihr gestaltet die Umwelt um, da müsst ihr euch auch nicht wundern, dass bestimmte Arten aus fremden Weltengegenden dies als Einladung empfinden! Und in vielen Fällen habt ihr Menschen diese Organismen aktiv angesiedelt. Mir fallen da z.B. Bisamratte, Muffelwild und Damhirsch oder bei den Pflanzen Kastanie und Robinie ein. Auf vielen norddeutschen Gewässern haben sich Nilgans und Kanadagans angesiedelt und in einigen südlichen Städten wie Stuttgart und sogar Salzburg gibt es starke Kolonien verschiedener Papageienarten wie den Halsbandsittich. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Denn viele Arten gehören zu den Insekten. Bei einem meiner Ausflüge nach Amtsberg habe ich im vergangenen August in einem naturnah bewirtschafteten Hausgarten die Raupe des Nachtkerzenschwärmers gefunden, eines Schmetterlings, der europaweit den zweithöchsten Schutzstatus genießt und deshalb ähnlich stark geschützt ist wie der Wolf! Es war die erstmalige Feststellung eines Vertreters dieser Art im Großraum Chemnitz, haben mir die Experten vom BUND gesagt. Solche Meldungen, möglichst mit Bild, sind von größter Bedeutung, denn dadurch wird es möglich, bei Bauprojekten oder anderen geplanten Eingriffen in die Landschaft entsprechende Ausgleichsmaßnahmen zu verlangen. Also was die Hufeisennase für die Waldschlösschenbrücke in Dresden ist, könnte dann der Nachtkerzenschwärmer für Amtsberg werden, wenn die Gemeindeverwaltung z. B. auf die Idee käme, die unmittelbar neben dem Garten befindliche große Pferdeweide bebauen zu wollen. Übrigens wurde auf dem gleichen Grundstück, in dem seit fast 20 Jahren keinerlei Pflanzenschutzmittel oder Kunstdünger eingesetzt werden, auch schon ein Wiedehopf beobachtet!

So, das wäre es wieder mal vom Pfarrhübel!

16. Wenn Tierliebe krank macht

Die ersten Stunden über 10°C und die länger werdenden Tage haben auch mich wieder aus dem Bau getrieben. Und ich bin nicht allein im kleinen Wäldchen oberhalb vom Tierheim Pfarrhübel.

An einem morschen Baum tobt sich ein farbenprächtiger Buntspecht aus und weiter oben in den Wipfeln einer Eiche sprudelt ein Star sein gesamtes Repertoire an Strophen hervor. Er ist ein Meister der Imitation. Für einen Moment kommt es mir vor, als würde ich den durchdringenden Ruf eines Mäusebussards hören. Aber nein – es war der Star!

Und keine fünf Meter von mir entfernt blinzelt mein Untermieter, ein ansehnlicher Rotfuchsrüde in die wärmende Frühlingssonne. Er war im Herbst in einen nicht genutzten Teil meines weitläufigen Baues eingezogen, der Schlaumeier. So sparte er sich einen erheblichen Teil der Erdarbeiten, denn für uns Dachse ist das Graben doch fast eine Erholung! Schließlich sind wir die unbestrittenen Weltmeister unter den tierischen Erdarbeitern!

Doch jetzt habe ich keine Zeit, mit ihm ein Schwätzchen zu machen. Ich habe im Tierheim einen anderen Termin. Dort leben seit kurzem zwei Hängebauchschweine in der Großtieranlage. Diese Gesellen will ich mir ansehen. Doch die beiden Grunzer haben keine Lust mit mir zu quatschen. Sie haben sich völlig in das Stroh eingewühlt. Nur die Rüsselscheibe und die Augen schauen noch hervor. Später wird mir der Tierheimleiter erzählen, dass die beiden ausgewachsenen Pigs aus dem Nachlass eines „Tiersammlers“ stammen. Ja, ihr habt richtig gehört, es gibt Leute, die Tiere sammeln wie andere Menschen Briefmarken oder Münzen.

Am Anfang geht das meist auch gut. Und auch die Tiere werden gut versorgt. Mensch und Tiere leben auf das intensivste zusammen. Langsam, schleichend, geht den Tierhaltern jede Möglichkeit der Individualität verloren. Sie ketten sich freiwillig immer mehr an ihre Tierhaltung.

Vor kurzem, bei einem Ausflug nach Berlin, habe ich so eine Frau kennengelernt. Sie hat ihre ganze Wohnung – ich meine wirklich alle Räume! - in eine einzige große Voliere umgewandelt, mit zahllosen Sitzstangen und Ästen, Futterstellen, Tränken und Schlafhäuschen. 6 Großpapageien bewohnen dieses Ersatzreich. Doch damit nicht genug – für mehrere Chinchillas wurde mit künstlichen Tunneln, Klettergelegenheiten und Verstecken in allen Räumen eine perfekte Nagerlandschaft geschaffen. Als Tier mag man sich in einer solchen Räumlichkeit vielleicht wohlfühlen, aber als Mensch mitten in einem Käfig, für immer?

Als Ergebnis einer solcher Art ausufernden Tierliebe isolieren sich die Betroffenen, werden zu Sonderlingen, brechen die Kontakte zur Umwelt ab. Die Tiere sind die einzigen Bezugspunkte. Und es werden immer mehr Tiere, oft auch immer exotischere.

Eine Zeit lang geht alles mehr oder weniger gut. Bis zu einem Ereignis – der Tierhalter wird krank, das Geld ist alle, er verliert die Arbeit oder die Wohnung wird gekündigt.

Aus anfänglicher Tierliebe wird Krankheit. Und schließlich mutet der Tierhalter seinen Schutzbefohlenen Bedingungen wie sich selbst zu – mangelhafte Hygiene, provisorische Unterkünfte, nur noch sporadische tierärztliche Betreuung, nachlassende Ernährung. Mensch und Tier sind gefangen in einem Teufelskreis, unfähig, das Problem selbst zu lösen.

Heute bezeichnet man dieses Phänomen als „Animal Hording“ („Tiersammeln“) und stuft es immer öfter als Krankheit ein. Man findet es flächendeckend in ganz Deutschland, in der Stadt genau so wie auf dem Lande, in allen sozialen Schichten und betroffen sind alle Arten von Tieren.

Jens, der Tierheimleiter, hat solche „Tierhaltungen“ zur Genüge gesehen, leider auch in Chemnitz – 250 Wellensittiche im Keller auf einer starken Schicht von Kot, Futterresten und Tierkadavern; über 100 Meerschweinchen freilaufend, bis der Urin durch die Decke in die darunter befindliche Wohnung gelangt; 28 Katzen in einer 2-Zimmer-Wohnung, Straßensplitt als Katzentoilette verwendet; 16 verfilzte und kranke Hunde, gehalten von einer ehemaligen Zahnärztin; 20 Schafe, gehalten auf einem kleinen Gartengrundstück an der Autobahn, der Zaun völlig kaputt. Und nun der neue Fall im Ortsteil Heinersdorf – Schweine, einen Ziegenbock, Meerschweinchen, Katzen, Hunde. Haus und Grundstück verwahrlost. Welch ein Trauerspiel, für Mensch und Tier!

Andernorts wurden auch Fälle mit Pferden, Chinchillas, Frettchen, Weißen Mäusen und selbst Reptilien beschrieben!

Die Betroffenen verlieren nach und nach den Überblick, finden sich mit der verschlechternden Situation ab. Die Tiere dienen ihnen nicht selten als Ersatz zur Bewältigung menschlicher Enttäuschungen. Der soziale Abstieg endet früher oder später in der Katastrophe, meist dann, wenn alle finanziellen und körperlichen Reserven der Tierhalter aufgebraucht sind und Nachbarn, Behörden oder der Tierschutzverein aufmerksam werden. Den beiden Hängebauchschweinen konnte dank der Großtieranlage des Tierschutzvereins unproblematisch geholfen werden. Ihnen geht es jetzt echt Sau-wohl. Aber ich bin doch sehr nachdenklich, als ich wieder in Richtung meines Dachsbaues trotte. Was wird aus den anderen Tieren? Ich hoffe auf schnelles Handeln des städtischen Veterinäramtes!!!


17. Ein Herz für Dachse

Gerade habe ich beschlossen – heute wird gefeiert! Ein paar richtig fette Engerlinge sind da wohl die richtige Dachs-Beilage!

Warum ich so gute Laune habe? - Das sage ich euch gern! Im Aufenthaltsraum des Tierheims habe ich in einer Zeitung einen Artikel gefunden, der mich begeistert hat. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im fernen Straßbourg hat kürzlich ein Urteil gefällt, dass in Zukunft vielen Wildtieren in Deutschland das Leben retten könnte.

Meine Kumpels vom Waldrand, vor allem aber Rehbock, Fuchs und Wildschwein, wollten es gar nicht glauben, dass es auch Richter gibt, die den Mut haben, der Jagdlobby die Zähne zu zeigen – aus welchen Gründen auch immer!

Und einige von meinen Tierschutzfreunden haben schon die Hoffnung geäußert, dass das der Anfang vom Ende der Jagd in Deutschland sein könnte. Zumindest aber wird sich die Jagd an vielen Orten ändern müssen, denn das Urteil hat die Rahmenbedingungen komplett verändert.

Doch der Reihe nach: In Deutschland mußte bisher jeder, der eine etwas größere Fläche Wald oder Wiese besaß, zwangsweise Mitglied in einer Jagdgesellschaft werden. Und jene Grundbesitzer, deren Besitz 75 Hektar überschreitet, müssen entweder die Jagd selbst ausüben oder die Jagd verpachten.

Mit dieser Pflicht zur Jagd soll angeblich der Wildschaden in landwirtschaftlichen Kulturen begrenzt werden. Allerdings konnte mir bisher niemand sagen, welchen Schaden zum Beispiel ich als Dachs anrichte … Und auch die Schwarzkittel vom Waldrand kann ich verstehen, wenn sie sich über die Maispflanzung hermachen. Frühere Generationen von Landwirten sind auch nicht auf die Idee gekommen, Feldschläge von 30 oder 50 Hektar Größe anzupflanzen, Monokulturen also, die den Speisezettel der Wildschweine auf eine einzige Nahrungsgrundlage festlegen. Nicht das Schwein, der Mensch in seiner Gier nach Profit hat den Naturhaushalt durcheinander gebracht. Und mit der Flinte will er es dann richten.

Das ging einigen Tierfreunden gegen den Strich. Sie wollten ausbrechen aus diesem Kreislauf der Unvernunft und beschlossen, die Zwangsmitgliedschaft in Jagdgesellschaften zu beenden. Schließlich ist es nicht nachvollziehbar, dass zum Beispiel der Deutsche Tierschutzbund dulden muss, dass auf seinem eigenen Grund und Boden in der Station Weidenfels gejagt wird, gegen Überzeugung und Statuten des Tierschutzverbandes.

Außer dem Deutschen Tierschutzbund beschritten weitere Grundbesitzer den Rechtsweg, um dieser Zwangsjagd, dieser geistigen Vergewaltigung der ethischen Einstellung zum Tier als Mitgeschöpf, ein Ende zu bereiten. … Und trafen auf die geharnischte Gegenwehr der Jagdlobby.

Vor allen deutschen Gerichten steckten die Tierschützer Niederlagen ein. Deshalb zog einer von ihnen, Rechtsanwalt und Vegetarier Günter Herrmann aus Baden-Württemberg, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßbourg. Er bezog sich in seiner Klage auf Artikel 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Dort wird der freie Gebrauch des Eigentums garantiert. Und das Gericht sah dies durch die Zwangsmitgliedschaft in einer Jagdgesellschaft verletzt. Der unerbittliche Streiter Herrmann erhielt Recht. - Mit gigantischen Auswirkungen!

Auch, wenn das Straßbourg-Urteil kein unmittelbares Recht ist, sondern in deutsches Recht umgesetzt werden muss, Revision dagegen ist nicht möglich! Als Folge dessen müssen alle 16 Landesjagdgesetze geändert werden und künftig gestatten, auf dem eigenen Grund und Boden keine Jagd mehr zulassen zu müssen!

Auch das Sächsische Jagdgesetz, gerade erst im Mai 2012 durch den Landtag beschlossen, wartet damit auf eine Änderung. Die Zeit ist reif für das Halali der Zwangsjagd!

Für mich und die anderen Waldtiere ein Hoffnungsschimmer, vielleicht künftig auf einem Grundstück zu Hause zu sein, auf dem der Eigentümer keine Jagd zulässt!


18. Lampe hat den Bogen raus

Vor wenigen Tagen habe ich einen Ausflug in das Chemnitzer Wohngebiet Kapellenberg unternommen. Ein Artikel in der Tageszeitung hatte mich auf die Idee gebracht. Berichtet wurde darin von einem Feldhasen, der dort zum Liebling der Anwohner wurde, weil er jede Scheu abgelegt hat. Diesen Vierbeiner musste ich unbedingt kennenlernen! Und was soll ich euch sagen – Meister Lampe geht es richtig gut in der Großstadt!

Bevor ich mich aber mit diesem Landflüchter traf, hatte ich mich in anderen großen Städten umgehört. Und siehe da – überall die gleiche Entwicklung! Selbst Tierarten, die bisher als besonders scheu galten, eben wie der Feldhase, erobern die Städte!!!

Mein Dachsfreund aus Berlin wusste zum Beispiel zu berichten, dass dort bereits eine richtige Stadthasenpopulation entstanden ist. Trotz einiger Verluste, im Allgemeinen kommen die Hoppler ganz gut mit dem Straßenverkehr zu Recht. Und auch die vielen Hunde scheinen ihnen nichts ausmachen zu können. Einer der Löffelohren hat sich die Grünzone eines Kindergartens als Einstandsgebiet erwählt. Über Stunden sitzt er nur 3-5 m von den recht lautstarken Kids entfernt im Grünen und lässt sich das offensichtlich wohlschmeckende Stadtgrün munden. Keine Jagd, kein Pestizideinsatz, abwechslungsreiches Gelände mit vielen Verstecken, das ganze Jahr wechselnde Futterpflanzen auf Grund der Kleinteiligkeit der Stadtgestaltung – und jetzt auch noch liebe Menschen, die uns Wildtiere mögen!

Auf gute Nachbarschaft! Und wenn es mal Probleme mit uns Wildtieren geben sollte, bedenkt bitte, liebe Großstädter, was wir euch und euren Kindern andererseits für Naturerlebnisse direkt vor der Haustür bereiten, mitten im Großstadtdschungel! Gerade als ich diese Zeilen schreibe, kommt die Nachricht aus Zschopau an, dass dort mehrere Schwarzstörche den Schornstein des alten MZ-Werkes „besetzt“ haben.

Jetzt sind sie zur Sommersensation geworden und ziehen die Fotografen der ganzen Umgebung an.