Episoden aus 30 Jahren Tierschutz

4. (K)ein Platz für Tiere – oder: Die Odyssee geht weiter

Ein eigenes Tierheim betreiben – das war eine wesentliche Motivation für die Gründer der Tierschutzvereine im Osten Deutschlands im Herbst 1989, aktiv zu werden. So auch in Chemnitz. Denn die Ausgangslage war katastrophal! In ganz Sachsen gab es nur in der Stadt Dresden ein städtisches Tierheim, das die Bezeichnung Tierheim verdiente. Alle anderen Objekte waren Notlösungen – baufällig, nicht tiergerechte Haltungssysteme, zu klein, nicht entwicklungsfähig, mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen belastet.

Hinzu kam die personelle Besetzung und strukturelle Verwaltungseinbindung. In Chemnitz gehörten die Mitarbeiter zum Garten- und Friedhofsamt. Als Objekt nutzen sie einen alten Bauernhof in der Gornauer Straße, baufällig und nur 3500 m² groß (das heutige Tierheim im Pfarrhübel hat eine Fläche von 32 000 m²). Die Haltung von Hunden auf dem Grundstück war nicht möglich, weil Nachbarn kurz nach Inbetriebnahme des Objektes Mitte der 80iger Jahre aus Lärmschutzgründen ein Hundeverbot durchgesetzt hatten. Eigentlich hatte die Stadt damit nicht einmal ein halbes Tierheim. Und das war in der Stadtgeschichte nichts neues. Immer wieder blieb es bei halbherzigen Varianten, Notlösungen und Übergangslösungen.

Ein erstes Objekt für gestrandete Katzen betrieb der Katzenschutzbund, 1937 in den Tierschutzverein eingegliedert, bis Ende der 30iger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der „Parkschänke“ in Hilbersdorf. Mit Kriegsbeginn wurde das Objekt von der SS beschlagnahmt. Der Tierschutzverein musste umziehen in den Getreidemarkt und betrieb bis 1944 eine provisorische Tierauffangstation in dem Gebäude, das uns heute als Sitz der Volksbank bekannt ist. Versuche von Tierschützern, nach Kriegsende den Tierschutz in der Stadt wieder zu beleben, fanden ein jähes Ende, als auf Geheiß des Polizeipräsidenten der Tierschutzverein 1947 verboten und das Vereinsvermögen eingezogen wurde. Das Verbot wurde nie aufgehoben und bestand bis zur Wende 1989 weiter fort. Nach langen Jahren der Ignoranz des Themas Tierschutz im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat formierten sich Ende der 60iger Jahre, unterstützt von bekannten Wissenschaftlern und Kreistierärzten, in der DDR engagierte Tierschützer neu. In vielen Städten bildeten sich Tierschutzbeiräte, die aber durch die Bank staatlich dominiert wurden. Immerhin, am 18.10.1968 unterzeichnet in Karl-Marx-Stadt der zuständige Stadtrat eine Absichtserklärung zum Bau eines Tierheimes. Ins Auge gefasst als Standort werden anfangs die Grundstücke Adelsbergstraße 333, der Hohlweg 5 und später ein Grundstück am Fischweg in Heinersdorf. Zu dieser Zeit existierte in der Adelsbergstraße in Höhe der Arthur-Strobel-Str. ein Tierasyl. Doch auch das mußte weichen. Die Straßenbahntrasse in das Hans-Beimler-Gebiet wurde mitten durch das Gelände gebaut.

Als dann auch noch die Mitteilung erfolgte, dass das favorisierte Grundstück am Fischweg nicht für ein Tierheim, sondern zum Bau des Heizkraftwerkes Nord verwendet wird, legte der Tierschutzbeauftragte Alfred Naumann am 08.02.1973 öffentlichkeitswirksam sein Amt nieder. Eine mutige Tat in der DDR! Ihm folgten alle ehrenamtlich tätigen Tierfreunde der Stadt nach, so dass die angestrebte Bildung eines Tierschutzbeirates kläglich scheiterte. Chemnitz war damit bis zur Wende die einzige Großstadt in der DDR, in der es einen solchen Beirat nicht gab. Als Ersatz für das verlorene Tierasyl in der Adelsbergstraße mietete der VEB Stadtwirtschaft mehrere Hundezwinger in einem Bauernhof in der Chemnitztalstraße an. Jedoch nicht der Tierschutz war Motivation dafür, sondern die drastische Zunahme der Tollwut. Die Stadt brauchte eine Quarantänestation! Das Objekt war aber in einem solch schlechten Zustand, so dass ständig Beschwerden aus der Bevölkerung eingingen.

1983 erfolgte deshalb der Kauf der Gornauer Straße 54, mit Geldern, die Tierschützer bis 1974 für den Bau eines Tierheimes gesammelt hatten!  Mit der Wende ergab sich für die Stadt die Möglichkeit, die ehemalige Hundestaffel der Staatssicherheit im Adelsberg zu übernehmen. Fortan wurden in der Gornauer Straße Katzen und Kleintiere, im Adelsberg Hunde mehr schlecht als recht untergebracht. Allen war klar – wieder eine Notlösung. Trotzdem betrieb der 1990 neu gegründete Tierschutzverein von der ersten Minute an die Übernahme der Objekte, beseelt von der Zuversicht auf einen Neubau!

Und demnächst: 5. Die Idee von der bunten Tonne