Episoden aus 30 Jahren Tierschutz

5. Die Idee von der bunten Tonne

Im Herbst 1990 kamen auf Einladung des Deutschen Tierschutzbundes Tierschützer aus Ost und West in der ehemaligen FDJ-Hochschule bei Bernau zum 2. Gesamtdeutschen Tierschutztreffen zusammen. Der Chemnitzer Tierschutzverein wurde durch Vorstandsmitglied Steffen Mehl vertreten. Nach einem anstrengenden Beratungstag saßen er, Herr Hähnel, der Gründer des Stollberger Tierschutzvereins, Tierschützer aus dem Vogtland und auch der spätere Präsident des DTB, Wolfgang Apel, bis tief in der Nacht bei einem Bier zusammen. Dabei drehte sich alles darum, wie die jungen Vereine im Osten Deutschlands schnell zu Geld kommen könnten.

Als unerwartet großes Problem hatte sich bereits zu diesem Zeitpunkt erkennbar die Versorgung frei lebender Katzen herausgestellt. Durch die Schließung zahlloser Großbetriebe und die Aufgabe vieler Freizeitgrundstücke in Gartenkolonien oder auch geschlossene Kasernen der NVA und der Sowjetarmee waren mit der Wende Futterquellen für zig Tausende Katzen weggebrochen. Eine erste Erhebung für Chemnitz ging von mindestens 5 000 Tieren aus. Allein im ehemaligen Großbetrieb „Fritz Heckert“ in Siegmar waren es um die 200 Tiere, in der Kinderklinik Dresdner Straße 50, in einer Gartenanlage in Bernsdorf 30 usw. usf. Der Tierschutzbund half mit ganzen Paletten von Katzenfutter, aber eine Dauerlösung, das war allen Tierschützern am Tisch klar, konnte das nicht sein. Was tun? Irgendwann dann der Einfall, einen Spendenbehälter hinter der Kasse in den Einkaufsmärkten aufzustellen. Opa Hähnel, immer mit Motorrad und Rucksack unterwegs, war Feuer und Flamme. „Ich lass mir was einfallen“, so der tatendurstige alte Herr.

Und die Idee von Bernau nahm schnell Gestalt an. Hähnel besorgte nur Tage später eine 120 Liter Mülltonne, beklebte sie mit unzähligen bunten Aufklebern, die er als Werbemittel des Tierschutzbundes aus Bernau mitgenommen hatte, schnitt ein Loch in den Tonnendeckel und brachte ein Vorhängeschloß sowie einen erklärenden Text an. Fertig war die Spendenbox! Dann der erste Versuch, einen Marktleiter davon zu überzeugen, die Tonne im Nachkassenbereich aufzustellen. „Nein, wollen wir nicht“, lautete die Antwort. Der zweite und dritte Versuch ging genau so aus. „Das bringt nichts“ oder „Die Leute werfen da sowieso nichts rein!“ oder „Die Zentrale hat abgelehnt“, hieß es. Opa Hähnel war am verzweifeln!

Aber so schnell geben Tierschützer nicht auf. Ausdauer und Beharrlichkeit sind wohl die notwendigsten Eigenschaften, die man braucht, wenn man in Deutschland etwas für unsere Mitgeschöpfe erreichen will. Da fiel Steffen Mehl ein, dass einer seiner ehemaligen Mitschüler aus der Hüttengrundschule in Hohenstein-Ernstthal vor geraumer Zeit einen kleinen Einkaufsmarkt als Leiter übernommen hatte. Ob der nicht wenigstens mal versuchsweise die Tonne aufstellen würde? Also rückten wenig später Hähnel und Mehl mit ihrer Tonne in die Kaufhalle ein, fanden Gehör und einen guten Aufstellungsplatz. Es war vollbracht, der erste Futterspendenbehälter Deutschlands stand in der kleinen Kaufhalle „Am Sachsenring“ in Hohenstein-Ernstthal. Kurze Zeit später schon musste die Tonne geleert werden, weil sie drohte überzulaufen. Mehls Schulfreund, Opa Hähnel und noch mehr die Hohensteiner Tierschutzgruppe, die damals noch mit Chemnitz kooperierte und dann einen eigenen Verein gründete, waren begeistert. Sofort lief die Nachfertigung der Tonnen in der ganzen Region an. Auch Wolfgang Apel in der Bonner Tierschutzzentrale hörte vom ersten Erfolg der Bernauer Idee. Er setzte sich mit einem ganz großen Futtermittelhersteller aus Norddeutschland in Verbindung, der sich sofort mit der Entwicklung eines Behälters befasste. Der erste Entwurf einer Box aus starkem Karton war nicht praxistauglich. Auch Diebstahl war ein Problem. Und einige Dummlinge entsorgten darin ihren Abfall. Doch im zweiten Anlauf kam der Durchbruch – eine verschließbare Gitterbox. In Windeseile wurden die ersten Behälter gefertigt und über den Tierschutzbund nach Chemnitz und dann an alle Vereine in Deutschland geliefert. In der Nachfolgezeit wurden noch einige kleinere technische Verbesserungen vorgenommen. Doch der Prototyp der Futterspendenbox war Opa Hähnels Bunte Tonne!

Und demnächst: 6. Ein Augsburger Modell für Chemnitz